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5 Wochen Äthiopien mit der factory

2020-04-30

Am 03. Februar machte ich mich mit Koffer und Gitarre auf den Weg zum Flughafen Zürich.

(Es ist schon lustig, jetzt daran zurückzudenken. Ich sah vereinzelt Leute, die sich mit einer Schutzmaske vor dem Corona-Virus zu schützen versuchten, aber hätte mir nie denken können, dass 2 Monate später die ganze Welt deswegen stillsteht…)

Zu meiner Jüngerschaftsschule, der factory in Burgdorf, gehört ein fünfwöchiger Einsatz in Äthiopien dazu.  Ich freute mich schon das ganze Jahr darauf und war voller Neugier!

In Äthiopien verbrachten wir die fünf Wochen in der nördlichsten Region, in Tigray. Die Tigray leben in Nordäthiopien und Eritrea, in einem von Landwirtschaft und Viehzucht geprägten Gebiet. Äthiopien ist trotz relativem Aufschwung in den letzten Jahren immer noch ein armes Land mit einem BIP von 853 US$ im Jahr 2018 (Quelle: wikipedia.de). Die meisten Menschen in der Provinzhauptstadt Mekelle leben in 1-2-Zimmer-Wohnungen, viele sind Tagelöhner und das Geld reicht meist gerade für den heutigen Tag. Viele Kinder sind auf der Strasse um zu betteln.

Im Jahr 2000 gründeten das Schweiz-Brasilianische Ehepaar Texeira in Mekelle das Kinderhilfswerk Operation Rescue. Mittlerweile hat die Organisation Ableger in den zwei Nachbarorten Adigrat und Adwa sowie in Indien und Brasilien. Die Vision des Projekts ist, Strassen- und Waisenkinder aus ihrer materiellen und sozialen Armut herauszuführen und ihnen dabei zu helfen, ihr maximales Potenzial auszuschöpfen und zu verantwortungsbewussten, selbständigen und gesellschaftsfähigen Erwachsenen zu werden.

Unsere Arbeit im Projekt war sehr abwechslungsreich. Wir bereiteten für jeden Tag eine 30 minütige Andacht vor. Wir erzählten biblische Geschichten, lehrten (und lernten) neue Lieder und spielten Sketchs. Danach durften wir manchmal mit den Sozialarbeitern auf  Hausbesuche, halfen in den Schulzimmern oder der Küche aus oder spielten einfach mit den vielen Strassen- und Tageskindern, die im Projekt ihren freien Halbtag verbrachten.
In Mekelle haben wir ein neues Sonnendach gebaut, denn die Kinder im Zentrum sind oft längere Zeit draussen, wenn sie warten müssen. Für dieses Projekt haben viele von euch etwas gespendet. Vielen Dank und ein herzliches vergelt’s Gott! Unsere äthiopischen Freunde sind sehr dankbar für alle, die sie im Gebet oder mit Gaben unterstützen! Ich selber bin überzeugt davon, dass die Leiter des Projekts alles daran setzen, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie langfristig am sinnvollsten eingesetzt ist.

Die Kinder in den Projekten wuchsen uns innert kürzester Zeit sehr fest ans Herz! Es dauerte oft keine 10 Minuten, bis man links und rechts ein Kind an der Hand hatte, sie einen aufs Fussballfeld zerrten oder ein Klatschvers begannen. Dank ihrer warmen Kultur fühlte ich mich sofort sehr wohl. Es war eindrücklich zu sehen, mit wie wenig diese Kinder glücklich waren. Viele ihrer Spiele kommen gänzlich ohne Material aus und es wurde ihnen auch nach Stunden noch nicht langweilig.

Auf den Hausbesuchen kamen wir mit der wirklichen Lebenswelt dieser Familien in Kontakt. Die Häuser der Familien, deren Kinder ins Projekt aufgenommen werden, sind sehr primitiv. Selten haben Familien mehr als 1 Zimmer. Das heisst kochen, schlafen, fernsehen, lernen und leben findet alles auf engstem Raum statt. Es hat kaum Platz für einen Besuch. Trotzdem tischen sie ihr Nationalgericht injera auf und halten eine Kaffeezeremonie, um die Gäste anständig zu bewirten!

Viele der Kinder sind krank, haben Mängel oder schulische Probleme, gegen die diese Familien nichts zu tun vermögen. Dort kommt die Hilfe und die Unterstützung der Sozialarbeiter aus dem Projekt sehr gelegen. Wir spürten, dass der persönliche Besuch und die enge Begleitung dieser Familien positive Auswirkungen haben. Es war für mich nicht einfach, diese Besuche zu verarbeiten. Die Not dieser Menschen ist sehr gross und meine Möglichkeiten im Rahmen dieser Besuche zu reagieren verschwindend klein. Wenn ich mir vorstelle, wie diese Menschen nun die Corona-Krise zu bewältigen haben, kann ich nur danken für alles Gute, das ich habe und beten, dass Gott diese Familien vom Virus verschont!

Die Zeit in Äthiopien war sehr lehrreich. Ich bin dankbar für die Bewahrung, die wir erlebt haben, dass wir vor der kritischen Phase der Pandemie wieder zurück waren, für all die Begegnungen und guten Gespräche mit den Äthiopiern und die gute Gemeinschaft untereinander. Gerade in dieser Zeit helfen mir solche Erfahrungen dabei, dankbar zu sein, in einem Land wie unserem zu leben und mit meinen Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass Menschen in anderen Ländern eine Chance bekommen, ein Leben zu führen, das ihre Bedürfnisse und Grundrechte erfüllt! (TCh)